Warum Meryl Streep ein schlechtes Vorbild ist (zumindest für Romanautoren)

Eine hochgezogene Augenbraue, geschürzte Lippen oder ein Blick ins Leere – manchmal braucht es bei Schauspielern wie Meryl Streep nicht viel mehr und trotzdem ist alles gesagt. Doch was auf der Leinwand funktioniert, lässt sich nur schwer auf die Buchseite übertragen. »TV prose« nennt der Schriftsteller Lincoln Michel  Literatur, die stark von visuellen Medien wie Kino und Fernsehen beeinflusst ist und dabei die Stärken des Romans vernachlässigt.

Wo Meryl Streep sich die Unmittelbarkeit des Sichtbaren zunutze macht und sich je nach Rolle individuell ausdrückt, da landet man im Roman schnell bei Floskeln: Sie runzelte die Stirn, sie hob die Augenbrauen, ein Lächeln umspielte ihre Lippen, sie rollte mit den Augen, sie presste die Lippen zu einem Strich zusammen … Das sind austauschbare Sätze, die wenig über die Figur verraten. Vereinzelt eingestreut können sie funktionieren, gehäuft und auf alle Figuren gleichermaßen angewandt ermüden sie schnell. Stattdessen lohnt es sich Eigenheiten der Figuren herauszuarbeiten, die zuckende Narbe auf der Wange oder das nervöse Drehen des Rings am Finger etwa.

Problematisch ist die Bildschirmprosa, also der Fokus auf die Mimik, aber vor allem bei Perspektivfiguren, egal ob in der ersten oder dritten Person erzählt wird. Denn ein Stirnrunzeln oder ein Augenrollen geschieht oft unbewusst und kann damit streng genommen aus Sicht der Perspektivfigur nicht geschildert werden. Was allerdings geschildert werden kann, sind die subjektiven Wahrnehmungen der Figur, ihre Empfindungen, Gefühle und Gedanken. Dieser Blick ins Innere, die Färbung des Erzählten durch die Augen eines ganz bestimmten Menschen, einer Persönlichkeit, ist das, was den Roman ausmacht und von visuellen Medien unterscheidet. Darauf zugunsten von Beschreibungen der immer gleichen Mimik zu verzichten, ist eine verpasste Chance, eventuell sogar ein handwerklicher Patzer.

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