Warum ich nicht von »Vampir-Verben« spreche

Bestimmte Verben wie »sehen«, »hören«, »fühlen« oder »spüren« sind unter Generalverdacht geraten: Manchen gelten sie als sogenannte »Vampir-Verben«, die Texten die Kraft aussaugen und unbedingt gelöscht werden müssen. Warum es sich lohnen kann, bei diesen Wörtern genauer hinzuschauen.

Sachlicher kann man diese Gruppen von Verben »Filterverben« nennen; das, was eine Figur hört, sieht oder fühlt, wird nicht einfach benannt, sondern wie durch einen erzählerischen Filter wiedergegeben. Statt »Sie streichelte ihn« heißt es dann zum Beispiel »Er spürte, dass er sie streichelte«.

Wo ich den Gegnern der »Vampir-Verben« zustimme: Durch Streichen der Verben können Sätze oftmals kompakter und griffiger erscheinen, ein konkreteres, anschaulicheres Verb (wie »streicheln«) kann in den Fokus rücken und die Aussage lebendiger machen.

Dass Filterverben (zu denen auch »erinnern«, »denken«, »scheinen« oder »sich fragen« zählen) per se schädlich sind, erscheint mir allerdings übertrieben. Statt also ganze Wortgruppen zu verteufeln, lohnt es sich, immer den Einzelfall zu betrachten.

Empirische Forschung zu Filterverben

Ein beliebtes Argument gegen die »Vampir-Verben« lautet, dass diese den Leser dazu verleiten, nicht mehr darauf zu achten, was die Figur wahrnimmt, bedenkt oder fühlt, sondern stattdessen das Scheinwerferlicht auf die Figur an sich lenken. Es entstehe Distanz und man werde aus der Szene gerissen, heißt es.

Das mag teils der Fall sein, man sollte diese Wirkung jedoch nicht überbewerten. Empirische Forschung (die von Schreibratgebern leider meist ignoriert wird) zeigt, dass sogenannte »viewpoint marker« wie »sie sah« oder »er spürte« keinen oder nur einen geringen Einfluss auf die Verbindung der Leser mit der Figur haben (ganz im Gegensatz zu den individuellen sozial-kognitiven Fähigkeiten der Leser, die deutlich beeinflussen, wie das Engagement mit dem Text ausfällt). Dass ein Filterverb also gleich »aus der Szene reißt« ist wissenschaftlich nicht belegbar.

Zudem wurde in einer anderen Forschungsarbeit festgestellt, dass Filterverben sogar hilfreich sein können: Vor allem wenn die Erzählsituation unklar ist, können sie helfen, dass Leser Empfindungen, Wahrnehmungen oder Gedanken der Figur zuordnen und nicht etwa dem Erzähler. Dies ist etwa in folgendem Beispiel der Fall:

»Er trat aus dem Haus. Die Sonne war angenehm warm.«

»Er trat aus dem Haus und spürte die Sonne angenehm auf seiner Haut.«

Während in der ersten Formulierung keine klare Zuordnung erfolgt, hilft das Filterverb im zweiten Fall, die positive Empfindung eindeutig der Figur zuzuschreiben.

Filterverben zur Betonung mentaler Prozesse

Darüber hinaus lassen sich Filterverben nutzen, wenn bewusst mentale Prozesse wie das Verstehen, Erinnern oder sinnliche Wahrnehmen in den Mittelpunkt rücken sollen. Dies ist zum Beispiel in eher nachdenklichen Passagen der Fall, in denen eine Figur reflektiert, oder auch wenn die Wahrnehmung einer Figur zweifelhaft erscheinen soll. Auf dieser Seite finden sich einige anschauliche (englischsprachige) Beispiele.

Filterverben können also Distanz zum Geschehen erzeugen, dies kann aber erwünscht und vorteilhaft sein. Inwiefern ihr Einsatz sinnvoll ist, lässt sich am besten konkret an Textbeispielen untersuchen – sie allgemein als »Vampir-Verben« abzukanzeln, verdeckt das Potenzial dieser Wortgruppe.

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