Brüche im Worldbuilding

Tolkien-Fans werden wissen, dass es gleich zwei deutsche Übersetzungen von »Der Herr der Ringe« gibt, nämlich die von Margaret Carroux (1969) und Wolfgang Krege (2000). Carroux’ Version gilt vielen dabei als sperriger, aber auch gelungener, da sie näher am Original sei. Krege hingegen werden seine Modernisierungen und der flapsige Ton vorgeworfen. Er werde Tolkiens mittelalterlicher Welt mit seiner Übersetzung nicht gerecht, heißt es.

Krege mag es übertrieben haben, spannend ist aber, dass sich solche Brüche und Anachronismen auch schon bei Tolkien finden: Mit seinen Kartoffeln, dem Tabak, Regenschirmen und Uhren wirkt das gesamte Auenland eher viktorianisch als mittelalterlich. Der Erzähler lässt sich bei Bilbos Geburtstag sogar dazu hinreißen, den Feuerwerksdrachen mit einem »express train« zu vergleichen, Sam träumt in Mordor von Fish and Chips. Man könnte das als Fehler eines Autors abtun, der seine Stimme erst im Verlauf der Bücher findet. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine erzählerische Strategie: Mit den Anachronismen, die vor allem in den ersten Kapiteln zahlreich sind, schlägt Tolkien nämlich eine Brücke zum Vorgänger »Der Hobbit«, wo ein sichtlich moderner Erzähler die Geschichte noch viel stärker prägt. Zugleich dienen die Hobbits im »Herrn der Ringe« mit ihrer vergleichsweise modernen Art als Identifikationsfiguren, an deren Seite wir die archaische, fremde Welt von Mittelerde betreten und kennenlernen.

Mittelerde ist keine Mittelaltersimulation mit fantastischen Elementen, sondern eine zwischen vielen Stilen und Epochen schillernde Welt. Die Brüche sind dabei keine Macken, sondern meiner Meinung nach Stärken des Buchs. 

Je nach Genre und Zielgruppe dürfen solche Brüche auffälliger sein. Manche Lesende fordern jedoch geradezu, dass die fiktive Welt ihren Vorstellungen von Wirklichkeit möglichst genau entspricht. Dieses Ideal zu erfüllen, ist schwierig, aber zumindest allzu große Patzer sollten vermieden werden und Brüche nicht aus Unachtsamkeit erfolgen (besonders bei historischen Stoffen oder Geschichten mit Bezug zu realen Personen sollte man vorsichtig sein). Es bleibt aber die Frage: Gibt es das überhaupt, eine Welt ohne Brüche?

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