Adjektivitis

Letztens wurde ich gefragt, ob ich nicht einen Beitrag zu »Adjektivitis« machen könnte. Das Schlagwort verrät eigentlich schon viel über die Sicht auf Adjektive und Adverbien; von krankhafter Adjektiarrhoe und Adverbitis ist da die Rede oder die beiden Wortarten werden regelmäßig mit Unkraut und Ungeziefer verglichen. Ursula K. Le Guin spricht von blutsaugenden Zecken, die dem Text Kraft rauben, bezieht sich dabei aber vor allem Wörter wie »sehr«, »irgendwie« und »einfach«. Außerdem kritisiert sie Adjektive und Adverbien, die durch häufigen Gebrauch wenn nicht bedeutungslos, dann doch belanglos geworden sind und bloß noch Lärm machen (»plötzlich«).

Wenn sprachlich so scharfe Geschütze aufgefahren werden, regt sich zumindest bei mir ein bisschen Widerstand und ich möchte die Beschuldigten ein wenig in Schutz nehmen. Denn der Unterschied zwischen einem gut geschriebenen und einem nicht ganz so überzeugenden Roman lässt sich sicherlich nicht an der Zahl der Adjektive festmachen.

Adjekitive (und Adverbien) können ja auch einiges: Sie fügen manchmal inhaltlich Unverzichtbares hinzu, sie können gut aussehen und klingen sowie für Flow und Rhythmus sorgen. Wenn man bestimmte (historische) Stile nachahmen oder Figuren mit einer individuelle Sprache ausstatten will, können sie ebenfalls hilfreich sein.

Dennoch sollte man Adjektive und Adverbien verantwortungsvoll einsetzen: Passen sie zu Stil und Sound der Geschichte? Wann sind sie überflüssig und wiederholen nur Offensichtliches? 

Das Problem sind meist nicht Adjektive an sich, sondern dass Autoren ihrem Text nicht ganz trauen und Substantive und Verben unnötigerweise mit (manchmal unpassenden) Adjektiven und Adverbien behängen: Da wird man durch »kleine, enge Gässchen« getrieben, es wird »suchend Ausschau gehalten« oder »dröhnende Sirenen schrillen«. Weniger ist in diesen Fällen mehr.

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