Innehalten bei »sich in Bewegung setzen«

Immer wieder lese ich in Manuskripten Sätze wie diesen: »Thomas setzte sich in Bewegung« – und komme ins Stolpern. Denn mein Sprachgefühl sagt mir, dass man den Ausdruck »sich in Bewegung setzen« in der Regel für Maschinen oder Menschengruppen verwendet, selten für einzelne Personen.

Ein Blick in die Korpora des Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache (DWDS) gibt mir recht: Fast alle Einträge zu »sich in Bewegung setzen« beziehen sich auf Züge, Autos, Sessellifte, Fallen, Wände oder aber Heere, Armeen, Demonstrationen und andere Menschenmassen.

Auch die wenigen Beispiele in den Korpora mit einzelnen Personen sind vielsagend: Eines stammt aus Katja Nicodemus‘ Filmrezension zu »One Battle After Another« in der Zeit. Nicodemus schreibt: »Der Kiffer setzt sich in Bewegung, besser: Er torkelt, stolpert, strauchelt, beginnt zu laufen, dann zu rennen …« Die Filmkritikerin traut dem von ihr benutzten Ausdruck selbst nicht so recht, korrigiert sich und findet dabei gleich eine ganze Reihe von Formulierungen, die die Bewegung der Figur deutlich anschaulicher einfangen.

Ein weiteres Beispiel findet sich in dem Wikipedia-Artikel zu Peter Handkes »Kaspar«, wo aus dem Stück zitiert wird: »Er setzt sich in Bewegung […] Seine Art zu gehen ist eine sehr mechanische, künstliche, eine, die es nicht gibt“ […].« Der Ausdruck »sich in Bewegung setzen« betont hier also das Künstliche, Unmenschliche und greift die übliche Verwendung für Maschinen aller Art auf.

Meiner Einschätzung nach ist »sich in Bewegung setzen« oftmals keine passende Formulierung. Das hat folgende Gründe:

  • Der Ausdruck verbindet eine Vorwärtsbewegung auf irritierende Weise mit dem eher passiven und nach unten gerichteten Verb »setzen«.
  • Mit seinen vier Wörtern und immerhin zwanzig Buchstaben ist er recht umständlich.
  • Zugleich leistet der Ausdruck wenig. Es entsteht in der Regel kein anschauliches Bild der Fortbewegung. Lediglich die Idee, dass eine Bewegung stattfindet, wird vermittelt.

Wenn es sich bei dem Thomas aus dem Beispielsatz also nicht um eine kleine blaue Lokomotive handelt oder die Bewegungen der Figur mit der einer Maschine gleichgesetzt werden sollen, empfehle ich, präzisere Formulierungen zu wählen: »Thomas lief los«, »Thomas begann zu rennen« etc. So können in den Köpfen der Leser konkreter Bilder entstehen, die stärker an den Text binden.

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