Kritik ist wertvoll, aber eine sensible Angelegenheit – egal ob man sie übt oder erhält. Falls du mit deiner Schreibgruppe Kritikrunden durchführen willst, lohnt es sich daher, sich zuvor mit verschiedenen Konzepten vertraut zu machen und zu schauen, welches am besten zu euch passt.
Eines der bekanntesten Konzepte wurde in den USA entwickelt: Hierbei wird der Text vom Autor vorgetragen und dann von den anderen Teilnehmern kritisiert. Der Autor soll sich die Kritik schweigend anhören und sich weder rechtfertigen noch entschuldigen. Es geht darum, zu erfahren, wie andere den Text wahrnehmen und auf ihn reagieren.
Damit diese Art der Kritik gelingen kann, ist es wichtig, dass die Kritiker Regeln einhalten. Alle Teilnehmer sollten der Reihe nach sprechen und dabei denselben Redeanteil haben. Das Feedback sollte kurz sein, sich auf Wesentliches konzentrieren und muss unpersönlich formuliert werden. Lob ist ebenso hilfreich wie das Ansprechen von negativ wahrgenommenen Punkten.
Vernichtende Kritik, die einen Text als Ganzes infrage stellt, ist ebenso unerwünscht wie der Vergleich mit Beispielen aus der Literatur – der Text ist im Entstehen und sollte für das respektiert werden, was er ist.
Problematisch an dieser Methode ist, dass oft die Person mit dem größten Redeanteil am meisten profitiert – und nicht der stumme Autor. Denn wer spricht, steht im Fokus und kann so im Reden über ästhetische Ansprüche seinen Blick schärfen und die eigene Stimme finden.
Schwierig ist ebenso, wenn die Gruppe gesellschaftliche Marginalisierung reproduziert. Autoren, die einer Minderheit angehören, können etwa durch Unwissen oder mangelndes Feingefühl der Kritiker verunsichert und verletzt werden. Vorbehalte gegenüber bestimmten Erzähltradtionen und Genres sollten daher reflektiert werden.
Eine Möglichkeit, den Autor in den Fokus zu rücken, ist, ihm offene Fragen zum Schreibprozess zu stellen. »Was wäre wenn …«-Fragen müssen dabei nicht sofort beantwortet werden, sondern sollen zum Nachdenken anregen. Ebenso ist es möglich, dass der Autor Fragen an die anderen Teilnehmer richtet, um herauszufinden, wie sein Text aufgenommen wurde.
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