»Show, don‘t tell!«, »Keine Adverbien!«, »Keinen Dialekt!«, »Nicht die Erzählperspektive wechseln!« – die Schreibwelt kennt viele Regeln, deren Einhaltung oft mit großer Strenge eingefordert wird. Von Regelbrüchen wird bisweilen ganz abgeraten, die solle man den etablierten Autoren überlassen. Aber ist so eine strikte Haltung sinnvoll?
Regeln können hilfreich sein, das möchte ich an dieser Stelle gar nicht anzweifeln: Sie können vor allem unerfahrenen Autoren als Leitplanken dienen und Hinweise sein, was beim Schreiben funktioniert. Aber auch erfahrene Schriftsteller profitieren von Regeln: So hat sich etwa der Autorenkreis Oulipo um Raymond Queneau, Georges Perec und Italo Calvino selbst Beschränkungen auferlegt, um durch formale Zwänge zu einer größeren künstlerischen Freiheit zu gelangen. Ein ähnliches Phänomen werden vielen Autoren aus ihrem Alltag kennen: Sobald man sich zumindest auf gewisse Aspekte wie ein Thema, einen Handlungsort oder eine Hauptfigur festlegt und seine Möglichkeiten einschränkt, verliert die erste weiße Seite schnell an Schrecken – und der kreative Prozess kommt in die Gänge.
Die oftmals formulierte Idee, dass man die Regeln kennen muss, damit man sie brechen kann, erscheint mir so allgemeingültig formuliert jedoch aus mehreren Gründen problematisch:
- Es gibt nicht »die Regeln«: Regeln fallen nicht einfach vom Himmel und sind Gesetz, sie entstehen in bestimmten Kontexten. Sie sind durch Trends, Moden und Traditionen geprägt und wandeln sich im Laufe der Zeit. Was vor zehn Jahren als Regel galt, kann heute veraltet wirken; was für die eine Leserschaft funktioniert, kann in einer anderen Bubble Kopfschütteln oder Desinteresse auslösen.
- Auch professionelle Schriftsteller sind oft nicht mit all den umherspukenden Regeln vertraut und begehen auch nicht unbedingt bewusste Regelbrüche, wenn sie schreiben. Stattdessen folgen sie häufig ihrer Intuition und verlassen sich auf Erfahrungen und Erkenntnisse, die sie beim Lesen und Schreiben sammeln. Während manche Autoren davon profitieren, sich zu Beginn mit bestimmten Regeln vertraut zu machen, kann dieses theoretische Wissen andere wiederum blockieren und davon abhalten, ihre Stimme zu finden.
- Besonders angehende Autoren werden manchmal entmutigt, von Regeln abzuweichen, dies solle den Profis überlassen werden. Statt jedoch nur über die »Regelbrüche« der etablierten Schriftsteller zu staunen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, um herauszufinden, warum der vermeintliche Bruch im konkreten Fall gelingt. Vieles, was als Regel verkauft wird, erweist sich bei näherer Betrachtung bestenfalls als eine Tendenz oder persönliche Vorliebe – leider werden solche subjektiven Maßstäbe in der Schreibwelt oft für Gatekeeping genutzt: Was beim Insider als genialer Bruch mit der Konvention gilt, wird dem Außenstehenden als Fehler vorgeworfen.
Im besten Fall ist eine Regel ein Hinweis darauf, was für andere bereits funktioniert hat. Als Ratschlag sollte man sie erst einmal unvoreingenommen betrachten, um zu prüfen, ob sie das eigene Schreibhandwerk weiterbringt.
Da, wo vermeintliche Regeln jedoch genutzt werden, um Texte in enge Schablonen zu pressen, Experimentierfreude zu unterdrücken und ohne gute Argumente anderen die eigenen literarischen Vorlieben aufs Auge zu drücken, sollte man eventuell auf Distanz gehen.
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