Don’t tell me what to do! Über eine überbewertete Schreibregel

Die Überschrift st ein bisschen überspitzt formuliert, denn gleich über Bord werfen möchte ich die bekannte Schreibregel »Show, don’t tell« natürlich nicht. Als lockerer Ratschlag kann sie vor allem für Schreibanfänger hilfreich sein, die sich dem Unterschied zwischen szenischem Zeigen und zusammenfassendem Erzählen noch nicht bewusst sind. Da viele Autoren zu Beginn zum Telling neigen, ist es durchaus sinnvoll, dem Showing beim Schreiben einmal vorbehaltlos Vorrang zu geben, um sich die Wirkung vor Augen zu führen: Denn prinzipiell sprechen uns konkrete Bilder und Handlungen mehr an als Abstraktionen. Außerdem ziehen Leser gern eigene Schlüsse und lassen sich nur ungern die Welt erklären.

So rigoros als Imperativ formuliert lädt »Show, don’t tell« aber auch zu Missverständnissen ein. Denn es ist eben keine goldene Regel, der man unhinterfragt folgen sollte, um gute Texte zu schreiben. Vielmehr gilt es abzuwägen, wann Showing und wann Telling sinnvoll ist. Wann rücke ich nah an die Figuren, zeige unmittelbar, was passiert? Und wann ist es besser, zu abstrahieren, zusammenzufassen, vielleicht sogar zu deuten?

Ein Text muss nicht krampfhaft von bestimmten Ausdrücken rein gehalten werden, nicht jedes »traurig«, »ängstlich« oder »wütend« durch zitternde Lippen, pochende Herzen und geballte Fäuste ersetzt werden. Ein simples »Er weinte« kann zudem ganz für sich kraftvoll wirken, es müssen nicht immer gleich heiße Tränen über die Wange laufen. Wer nicht aufpasst, landet rasch beim schmalzigen Klischee.

Telling kann zudem dabei helfen, zu vermitteln wenn Autor und Leser einen unterschiedlichen kulturellen Hintergrund haben.

Statt als Vorschrift kann man Showing als Möglichkeit begreifen: nämlich um dramatische Momente zu inszenieren, mal eng an die Figuren zu rücken, mit allen Sinnen in fremde Welten einzutauchen und die Leser mitzureißen. »Show, don’t tell« eignet sich für manche Sätze, Szenen, Genres oder Erzähltraditionen besser als für andere. Als Ratschlag sollte man das Motto zumindest einmal in Betracht ziehen, es sollte Autoren aber nicht daran hindern, ihre eigene Stimme zu finden.

Mehr Schreibtipps, Neuigkeiten aus der Buchwelt und Rabattaktionen gibt es über meinen Newsletter.

Hinterlasse einen Kommentar