Warum Bösewichte Helden sind

Wer kennt sie nicht, die Schurken, die in ihren finsteren Festungen hausen, ihre Lakaien schikanieren und ihre einzige Freude aus dem Leid anderer ziehen? In ihrer cartoonhaftesten Form sind es sadistische Schnurrbartzwirbler, egomanische Monokelträger und andere grotesk-gierige Gestalten, die kleine Hündchen treten und Kindern die Lollis klauen. Die Lust an der Erniedrigung, am Quälen und ein übersteigerter Ehrgeiz treiben sie an, auch realistischer gezeichnete Bösewichte beschränken sich häufig auf diese Klischees.

Die Forschung zeigt aber, dass Gewalt und Grausamkeit nur in geringem Maß durch Sadismus und Gier befeuert werden. Was Menschen moralisch verwerflich handeln lässt, sind oft ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und moralischer Idealismus.

In »The Sciene of Storytelling« beschreibt Will Storr unsere Gehirne als Heldenmacher, die unentwegt damit beschäftigt sind, die Welt so zu interpretieren, dass wir selbst als strahlende Helden dastehen. Unser Hirn fabriziert etwa Erinnerungen, um uns in ein besseres Licht zu rücken, oder findet mit Leichtigkeit Rechtfertigugen für unser Fehlverhalten. Da, wo unsere Idee von der Welt an ihre Grenzen stößt, wird einfach umgedeutet oder ausgeblendet. 

Diese Selbsttäuschung ist menschlich und bringt einige Vorteile; zum Beispiel beeinflusst der Glaube an die eigene moralische Überlegenheit die Gesundheit positiv.

Auch bei sogenannten Bösewichten, bei Mördern, Dieben und Diktatoren funktioniert dieser Mechanismus. Es ist die Überzeugung, das Richtige zu tun oder aus gutem Grund so zu handeln, die ihnen Macht verleiht und sie antreibt. 

Das Klischee vom sadistischen Schurken kann man natürlich effektvoll einsetzen, wer sich nur darauf beschränkt, comichaft aufgeblasene Bösewichte zu entwerfen, dem entgeht allerdings die Möglichkeit, sich einem größeren, einem ziemlich unangenehmen Schrecken zuzuwenden: dem Bösen in uns.

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