Heute möchte ich ein Auge auf die reiche Geschichte der Horrorliteratur werfen und Antworten zu folgenden Fragen finden: Welche Arten des Gruselns gibt es überhaupt? Was macht uns Angst? Was finden wir schrecklich?
Viel Spaß mit meiner kleinen Typologie des Grauens! (Ich habe mich an die englischen Begriffe gehalten, weil die eindeutiger definiert sind.)
Terror & Horror
Die Unterscheidung zwischen Terror und Horror geht auf die Schriftstellerin Ann Radcliffe (1764–1823) zurück, die wie kaum eine andere das Genre des Schauerromans geprägt hat.
Terror ist nach Radcliffe das Anbahnen von etwas Schrecklickem, also etwas im Schatten Verborgenes, ein rätselhaftes Klopfen in der Nacht, der Augenblick, bevor wir das Monster erblicken.
Horror ist dann der Schock, der mit der Erkenntnis einhergeht, dass da tatsächlich etwas ist: die Begegnung mit dem Leibhaftigen, das Ungeheuer, das aus seinem Versteck stürzt.
Terror gilt dabei oft als subtiler und künstlerisch wertvoller, allerdings auch als schwieriger zu erreichen. Nicht selten gibt es auch ein Wechselspiel zwischen Terror und Horror.
Revulsion / Gross-out
Stephen King (*1947) hat diese zwei Kategorien Radcliffes um eine dritte ergänzt, die er Revulsion, also Abscheu oder Ekelgefühl, nennt. Hier ist das Monster nicht nur aus dem Schatten getreten, man kann es in seiner ganzen Abartigkeit bewundern, wie es gerade sein Opfer ausweidet und mit Gedärmen um sich schmeißt …
Ziemlich effekthascherisch also, aber etwas an dem man durchaus Vergnügen finden kann. Manchmal wird das Gross-out auch so überspitzt dargestellt, dass es schon etwas Komisches hat – die krassen Effekte stehen dann stärker im Vordergrund als der Schrecken.
Weird & Eerie
In seinem Buch »The Weird and the Eerie« (dt. »Das Seltsame und das Gespenstische«) hat der Kapitalismuskritiker, Philosoph und Kulturwissenschaftler Mark Fisher (1968–2017) zwei weitere Typen des Grauens beschrieben.
Das Weirde, wie man es etwa von Lovecraft kennt, bezeichnet eine Grenzüberschreitung, bei der ein bisher unbekanntes Äußeres ins alltägliche Innere vordringt. Etwas ist da, was eigentlich nicht hierhingehört. Die Welt steht mit einem Mal kopf, Gewissheiten zerfallen im Angesicht kosmischer Kräfte, die mit dem menschlichen Verstand nicht zu erfassen sind. Diese Erfahrung kommt mit Wucht und ist anziehend und abstoßend zugleich. Das Weirde muss nicht zwingenderweise Angst machen, es kann auch faszinieren und mit seinen Wundern locken.
Eerie bezeichnet eine ähnliche Erfahrung: Auch hier entsteht die Spannung durch das Eindringen eines unbekannten Äußeren ins Alltägliche. Es steht allerdings nicht der Schock der Erkenntnis im Vordergrund, sondern eine anhaltende Rätselhaftigkeit. Das Gespenstische bleibt nur bestehen, solange Mysterien nicht gelüftet werden. Als Beispiel nennt Fisher »The Birds« von Daphne du Maurier: Warum greifen die Vögel an? Welches Phänomen, welche Absicht oder gar Macht steckt dahinter?
Während das Weirde einer schrecklichen Offenbarung gleichkommt, ist Eerie ein Schwebezustand des Ungewissen.
The Sublime
Eng mit dem Weirden, dem kosmischen Horror und dem Unfassbaren, verknüpft ist das das Erhabene (the Sublime). Hier vermischen sich Ehrfurcht und Schrecken auf besondere Weise zu einer Erfahrung, die man etwa im Angesicht von Naturgewalten macht. Dabei ist eine gewisse Distanz zum Geschehen nötig, da sich sonst keine Ehrfurcht einstellen kann; ist man zu nah am Geschehen überwiegt eher die blanke Panik.
The Uncanny
Dieser Begriff wurde stark durch Freuds Auseinandersetzung mit dem Unheimlichen geprägt und ist eng mit dem Gespenstischen verbunden. Laut Mark Fisher besteht der Unterschied darin, dass das Unheimliche den Schrecken im Inneren findet: im Vertrauten, im Zuhause, im Menschlichen. Der Effekt des Unheimlichen wird durch Wiederholungen, Doppelgänger und subtile Abweichungen erzeugt. Stephen King nennt die Rückkehr ins eigene Zuhause, in dem alle Gegenstände durch eine exakte Kopie ersetzt wurden, als Beispiel. Menschenähnliche Wesen wie Roboter oder Puppen können ebenfalls unheimlich wirken, genau wie Masken oder versteckte Kellerräume.
Mehr Schreibtipps, Neuigkeiten aus der Buchwelt und Rabattaktionen gibt es über meinen Newsletter.

Hinterlasse einen Kommentar