Lesen macht weißere Zähne und einen runden Po

Über die Effekte des Lesens, besonders von Romanen, wird viel geforscht und geschrieben. Dabei stehen vor allem positive Auswirkungen im Fokus, das Lesen macht uns demnach mitfühlender, intelligenter und gesünder. Kein Wunder also, dass das Buch nach wir vor zum Statussymbol taugt – mit kritikwürdigen Folgen.

Zwei aktuelle Artikel verdeutlichen, wie im öffentlichen Raum oftmals über das Romanlesen (und -kaufen) gesprochen wird: In »Warum es sich so gut anfühlt, Bücher zu kaufen« beschreibt Pia Kruckenhauser für den Standard, wie das Anhäufen von Bücherstapeln Vorfreude auslöst und damit das Wohlbefinden stärkt. In der SZ berichtet Sebastian Herrmann in seinem Artikel »Wer liest, der fühlt« über eine neue Studie, die zeigt, dass Romane Empathie und Wohlbefinden fördern können.

Typisch für diese beiden und viele andere Artikel zum Thema ist die Verknüpfung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit der durch und durch positiven Darstellung des Lesens. Passionierte Leser erfahren hier Selbstvergewisserung, Psychologie und Neurowissenschaften belegen, was man ja schon immer geahnt hat: dass Leser schlauer, gesünder und glücklicher sind, sie leben das bessere Leben. Ein Blick in die Kommentarspalten zeigt, wie willkommen die immergleichen Nachrichten über positive Leseeffekte sind.

Literatur als Lackmustest für gute Menschen

Kritische Töne, etwa zum Überkonsum und der performativen Zurschaustellung von Büchern, finden sich meist nicht. Bei Kruckenhauser wird das Büchersammeln zur japanischen Lebensweisheit namens Tsundoku verklärt, während Herrmann verkündet, dass derjenige, der beim Lesen von »Oliver Twist« »keinen Kloß im Hals bekommt angesichts der Ungerechtigkeit, die den hungernden Oliver trifft, […] auch sonst ein Mensch mit einer Seele aus Stein sein« sein dürfte.

So abgedroschen und kitschig wie die Metaphern vom Kloß im Hals und der Seele aus Stein ist auch die Vorstellung von der Literatur als humanistischem Lackmustest: Wer hier angemessen reagiert, der ist ein guter Mensch mit butterweicher Seele – die anderen sind ungehobelte Klötze.

Das Richtige lesen

An dieser Stelle muss ich vielleicht klarstellen, dass ich Bücher liebe, ich lese ständig und kann mir kein Leben ohne Romane vorstellen. Und natürlich freue ich mich über all die positiven Auswirkungen, die das Lesen haben kann.

Was mich jedoch stört, ist der verklärende Diskurs über Bücher: einerseits weil Aspekte wie Produktionsbedingungen oftmals unter den Tisch fallen, andererseits weil der Romankonsum oft mit (klassistischer, sexistischer etc.) Abgrenzung und Abwertung verbunden ist. Es geht nicht nur einfach darum zu lesen (was natürlich schon einmal besser ist, als Egoshooter zu spielen), es muss auch das Richtige gelesen werden: Printbuch statt E-Book, Fiktion statt Sachbuch, E-Literatur statt Romantasy …

Mag sein, dass das Tsundoku gelabelte Bücherstapeln für vermehrte Dopaminausschüttung sorgt und das Wohlbefinden stärkt. Der verkitschte Ton, in dem darüber berichtet wird, scheint mir allerdings typisch für die Literaturwelt zu sein. Ich gehe davon aus, dass die Vorfreude auf »Grand Theft Auto VI« oder das neue Album von Ikkimel einen ähnlichen Effekt hat, in diesem Kontext kommt aber angenehmerweise niemand mit vermeintlichen ostasiatischen Weisheiten um die Ecke.

Sich für die Literatur stark zu machen und sich für Leseförderung einzusetzen, das geht vermutlich auch, ohne dass man geringe Effekte in Studien zu verzerrenden Schlagzeilen aufbläht, sich aufgrund statistischer Funde für den eigenen Lebenswandel selbstbeweihräuchert oder an ein Kulturverständnis aus dem 19. Jahrhundert anknüpft. Das überzeugendste Argument für das Lesen bleibt wohl das Buch an sich, in all seinen Ausformungen und Facetten.

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