Die 10 Lesemotive

Was meinst du? Was hat dich dazu veranlasst, in der Buchhandlung nach deinem letzten Buch zu greifen? Oder was hat dafür gesorgt, dass jemand sich für dein Buch entschieden hat?

Mit zehn sogenannten Lesemotiven will der Buchhandel dem Kaufverhalten seiner Kunden auf die Schliche kommen. Der MVB (Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels) und der Börsenverein haben dazu ein System entwickelt, das die Bedürfnisse der potenziellen Käufer in folgende Kategorien unterteilt: Auseinandersetzen, Eintauchen, Entdecken, Entspannen, Lachen, Leichtlesen, Nervenkitzeln, Optimieren, Orientieren und Verstehen.

Mithilfe einer KI, die die Metadaten der Bücher analysiert, wird dann jedes Buch genau einer Kategorie zugeteilt. Das VLB (Verzeichnis Lieferbarer Bücher) nutzt diese Klassifikation ebenso wie die Bestsellerlisten des Börsenblatts und einige Buchhandlungen. Letztere sollen mithilfe der Lesemotive gezielter die Bedürfnisse ihrer Kunden erkennen und dementsprechend ihr Sortiment und die Präsentation anpassen, um die Umsätze zu steigern. 

Wissenschaftliche Grundlage mit fragwürdigen Ergebnissen

Laut Aussage des Börsenblatts beruht die Klassifikation auf neurowissenschaftlicher Basis – mehr erfährt man dazu leider nicht. Stattdessen finden sich im Börsenblatt vor allem positive Erfahrungsberichte aus dem Buchhandel, auch wenn eine Buchhändlerin erzählt, dass die KI nicht immer ganz treffsicher sei und Annie Ernaux unter Leichtlesen eingeordnet habe. 

Ein Blick auf die Beststellerliste des Börsenblatts, wo zwar Lesemotive aber keine Genres genannt werden, wirft weitere Fragen auf: Wolf Haas’ »Wackelkontakt« wird da mit dem Label Entspannen versehen. Wer den Roman kennt, wird da vermutlich nicht ganz einverstanden sein, zumal schon der Klappentext das literarische Verwirrspiel als »funkenschlagend und spannend bis zum finalen Kurzschluss« anpreist. Ganze 16 von 25 Titeln werden auf der Hardcover-Liste (23. Juni 2025) unter Entspannen gelistet – da soll noch mal jemand sagen, Lesen sei keine Wellness, laut Börsenblatt eignet sich sogar Liz Moores Thriller »Der Gott des Waldes« bestens zum Relaxen.

Selbst bei Genreliteratur wirken die Motive oft ungenau. Bestenfalls benennen sie das Offensichtliche, wenn sie Stephen Kings oder Tess Gerritsens neue Bücher unter Nervenkitzeln einordnen. Bei unbekannten Autoren ist so ein Label da vermutlich nützlicher, falls Titel, Cover etc. da nicht eh schon vermitteln, was die Leser erwartet.

Wie gut die Klassifikation beim Verkaufen von Büchern hilft, kann ich nicht beurteilen. Mir erscheint das System in Zeiten, in denen sich nicht nur U und E, sondern auch Genres munter vermischen, jedoch zu oberflächlich und unpräzise, um Leserinteressen abzubilden.

Wie siehst du das? Helfen dir solche Labels bei der Kaufentscheidung? Oder kannst du dir vorstellen, dein Buch unter einer der Kategorien (vielleicht auch als Ergänzung zu Genre und Tropes) zu vermarkten?

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