Original und Fälschung: Zauberer-Edition

Dank KI kann man sich mittlerweile auf Knopfdruck Geschichten erstellen lassen – wenn man möchte auch im Stil berühmter Vorbilder. Aber wie gut imitieren Large Language Models bekannte Schriftsteller? Sind Original und Fälschung noch auseinanderzuhalten?

Ich habe einen Ausschnitt aus einem Fantasyroman ausgewählt (und teils Namen ersetzt, um es nicht zu leicht zu machen) und einen ähnlichen Textauszug von Claude generieren lassen. Erkennst du, welcher Text das Original ist und welcher KI-generiert?

A: »Sie werden nicht kommen, bevor die Sonne den zweiten Grat erreicht«, sagte der Alte hinter ihr. Er hieß Feorn, und in den Dörfern nannte man ihn den Steinsprecher, obwohl er selbst dieses Wort nie benutzte. Er benutzte überhaupt nur wenige Worte, und Ynara hatte in den drei Jahren ihrer Lehre gelernt, dass jedes davon Gewicht trug wie ein Kiesel, der lange im Fluss gelegen hatte.

»Woher weißt du das?«

»Der Fels hat es mir gesagt.« Er lächelte nicht, als er das sagte, und das war es, was sie am meisten an ihm fürchtete – nicht seine Macht, sondern seine völlige Ernsthaftigkeit den kleinsten Dingen gegenüber.

Sie setzte sich neben ihn auf den warmen Stein. Unter ihren Handflächen fühlte sie die feine Körnung des Granits, die Millionen Jahre Regen und Frost geglättet hatten. Man lernte hier nicht, den Stein zu befehligen. Man lernte, ihm zuzuhören, bis man verstand, was er ohnehin schon zu tun gedachte, und dann ging man mit ihm, nicht vor ihm.

»Ich habe Angst«, sagte sie schließlich. Es war nicht leicht, das zuzugeben, hier oben, wo jedes Wort so schwer wog.

Feorn nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. »Gut. Wer keine Angst hat, hat nicht verstanden, was er tut.« Er nahm eine Handvoll Erde vom Wegrand, ließ sie durch die Finger rinnen. »Die Mauer, die du bauen sollst, wird nicht aus Trotz stehen. Trotz bricht. Sie muss aus Zustimmung stehen – der Fels muss wollen, was du willst.«

»Und wenn er nicht will?«

»Dann«, sagte Feorn, und zum ersten Mal an diesem Morgen war so etwas wie Traurigkeit in seiner Stimme, »dann baust du keine Mauer. Dann gräbst du ein Grab.«

Sie schwiegen beide und sahen zu, wie die Schatten der Kiefern kürzer wurden, während die Sonne sich langsam, ohne Eile, dem zweiten Grat näherte – so wie alles in diesem Land geschah: unaufhaltsam, aber niemals hastig.

B: Der Junge war nicht durch eine Waffe verletzt worden, konnte aber weder essen noch schlafen; er schien nicht zu hören, was man zu ihm sagte, und die ihn besuchten nicht zu sehen. Es gab weit und breit keinen Zauberer, dessen Macht ausreichte, um ihn von seinem Leiden zu heilen. Seine Tante sagte: »Er hat sich übernommen«, aber sie kannte kein Mittel, das ihm hätte helfen können.

Während er stumm und unansprechbar dalag, verbreitete sich die Kunde von dem Knaben, der den Nebel gewebt und die kargischen Krieger durch wimmelnde Schatten verschreckt hatte, im ganzen Nordertal – und im Ostwald und auf der anderen Seite des Bergs bis hinunter in den Großhafen von Lint. Am fünften Tag nach dem Gemetzel an der Armündung kam ein Fremder nach Zehn Erlen, ein barhäuptiger Mann von unbestimmbarem Alter, mit einem Umhang bekleidet und mit einem schweren, mannshohen Eichenstab in der Hand, an dem er überhaupt nicht schwer zu tragen schien. Er stieg nicht am Lauf der Ar empor wie die meisten anderen Besucher des Dorfs, sondern kam von oben, aus dem Wald unter dem Gipfel des Lintbergs. Die Dorffrauen erkannten ihn sofort als Magier, und als er ihnen mitteilte, dass er ein Allheiler sei, führten sie ihn gleich zum Haus des Schmieds. Dort schickte der Fremde alle bis auf den Vater und die Tante des Jungen fort. Dann beugte er sich über das Bett, in dem Duni lag und in die Dunkelheit starrte. Er legte ihm nur die Hand auf die Stirn und berührte einmal seine Lippen.

Auflösung:

Junge Helden, magisch begabte Mentoren und ein ruhiger, nachdenklicher Ton – diese Eigenschaften teilen die beiden Auszüge. Und zugleich gibt es einige Unterschiede.

Während Text B beinahe ganz auf Dialoge verzichtet, durchbrechen sie in Text A immer wieder die Beschreibungen. Allgemein wirkt A näher an den Figuren und ihrer konkreten Situation, während B abstrakter und distanzierter bleibt. Ein längerer Zeitraum wird in wenigen Sätzen zusammengefasst, wohingegen in A eine Szene entworfen wird.

Aber wie sieht es mit typischen KI-Merkmalen aus?

  • In Text A fallen die drei Gedankenstriche auf, während sich in B nur ein einzelner findet.
  • Die verräterische Formulierung »nicht X, sondern Y« kommt in beiden Auszügen vor, allerdings jeweils nur einmal. Sie ist also nicht weiter bemerkenswert.
  • Auffälliger ist hingegen, mit welcher Dringlichkeit in Text A Bedeutung suggeriert wird. Während in B fast nüchtern das Geschehen geschildert wird, finden sich in A zahlreiche Vergleiche und Metaphern. Auf plakative Weise wird die Gewichtigkeit betont, vom Gewicht ist mehrfach die Rede, es wird über Millionen Jahre und »alles in diesem Land« gesprochen. Zudem ergeben die Bilder beim genauem Hinsehen nicht unbedingt Sinn: Worte, die das Gewicht von Kieseln haben, die lange im Fluss lagen – das klingt erst einmal ganz hübsch, aber wiegt ein Kiesel besonders viel? Wiegt er mehr, wenn er lange im Fluss lag? Er saugt sich ja nicht mit Wasser voll, im Gegenteil, Material wird abgetragen und er wird mit der Zeit wohl leichter.
  • Ein weiterer Hinweis auf KI-Einsatz können vage Ausdrücke sein. In Text A ist zum Beispiel von »so etwas wie Traurigkeit« die Rede.
  • Weiterhin neigt KI dazu, überdeutlich zu erläutern: Statt also das Bild der langsam wandernden Sonne für sich stehen zu lassen, wird nicht nur die Langsamkeit betont (langsam, ohne Eile, nicht hastig), es wird zudem zur Metapher für den Lauf der Dinge im gesamten Land erklärt.

Die Anzeichen, dass es sich bei Text A um einen KI-generierten Text handeln könnte, täuschen nicht. Text B hingegen ist ein Auszug aus Ursula K. Le Guins Klassiker »Der Magier der Erdsee«.

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