Menschengemacht oder KI-generiert? Ein Nachtrag

Für meinen gestrigen Beitrag hatte ich ein Quiz erstellt, mit dessen Hilfe du testen kannst, ob du zuverlässig KI-generierte von menschengemachten belletristischen Texten unterscheiden kannst. Heute möchte ich einige Überlegungen zu den Textbeispielen teilen.

Menschengemachte von KI-Texten zu unterscheiden, fällt nicht immer leicht, denn oftmals produzieren Large-Language-Modelle Output von hoher Qualität. Vor allem bei Genre-Literatur oder Romanen, in denen die sprachliche Gestaltung nicht oberste Priorität hat, kann es daher schwierig sein, verräterische Merkmale auszumachen.

Im Folgenden möchte ich daher noch einmal auf die Beispiele aus meinem Quiz eingehen, um aufzuzeigen, welche Hinweise auf KI-Einsatz es dort gab.

Beispiel B: Marlene rannte, ohne zurückzusehen. Äste peitschten ihr ins Gesicht, ihre Lunge brannte, aber sie zwang sich, schneller zu laufen. Hinter ihr, irgendwo zwischen den Bäumen, knackten Zweige – rhythmisch, gleichmäßig. Schritte. Zu nah.

Sie stolperte über eine Wurzel, fing sich gerade noch ab und presste die Hand vor den Mund, um ihr eigenes Keuchen zu ersticken. Das Mondlicht fiel in schmalen Streifen durch das Blätterdach, zeichnete zitternde Muster auf den Waldboden. Irgendwo rief ein Käuzchen, und für einen Herzschlag klang es fast wie ein Name.

Ihr Name.

Marlene presste sich gegen den Stamm einer alten Eiche, das Herz hämmerte ihr bis in die Kehle. Die Taschenlampe – sie hatte sie längst weggeworfen, das Licht hätte sie nur verraten. Jetzt gab es nur noch das Dunkel und das Gefühl, dass etwas da draußen genau wusste, wo sie war.

Zwei Gedankenstriche in einem relativ kurzen Abschnitt müssen zwar noch nicht misstrauisch machen, können aber ein Hinweis sein, den Text genauer unter die Lupe zu nehmen. Auffällig ist weiterhin, dass sich der Satzrhythmus wiederholt und durch knappe, abgehackte Sätze Spannung erzeugt werden soll. Durch Fragmente wie »Ihr Name« wirkt das Geschehen tatsächlich dramatisch, allerdings handelt es sich zugleich um ein eher plakatives Stilmittel.

Inhaltlich werden vor allem bekannte Genre-Formulierungen aufgerufen: peitschende Äste, brennende Lungen, knackende Zweige, das Stolpern über eine Wurzel, das Mondlicht, das Käuzchen und das hämmernde Herz – der Text erscheint geradezu wie aus Bausteinen zusammengesetzt, originelle Bilder sucht man vergebens.

Zudem wirken einige Details deplatziert: Auf der Flucht würde man den Baum, an den man sich drückt, wohl kaum als alte Eiche identifizieren. Auch der Gedanke an die Taschenlampe, die schon längst weggeworfen wurde, irritiert eher.

Was unterscheidet einen menschengemachten Text wie Andreas Pflügers »Endgültig« von diesem Beispiel?

Beispiel E: Sie springt auf und sprintet los, den Knipser in der Hand. Schnelle Knacklaute. Zwei Bäume, fünf Meter vor ihr. Sie jagt unter Kieferzweigen hindurch, die ihr ins Gesicht, in den offenen Mund fetzen. Rennt im Zickzack durch das unsichtbare Labyrinth und knipst im Sekundentakt. Ortet das nächste Hindernis.

Pflüger setzt konsequent auf Dynamik und Verdichtung, Details wie das schreiende Käuzchen oder die alte Eiche spart er bewusst aus. Er fügt der genretypischen Fluchtszene eigene Impulse hinzu, in dem er seiner (blinden) Heldin einen Knipser in die Hand gibt und sie ihre Gegend durch Knacklaute erfahren lässt. Auch sprachlich variiert Pflüger Altbekanntes, die Zweige schlagen hier nicht einfach ins Gesicht, sie »fetzen« in den Mund.

Beispiel C: Der Pfad führte weiter bergab, hinein in ein Tal, das die Karten als Silbermulde bezeichneten, obwohl kein Kartograph seit Generationen dort gewesen war, um den Namen zu überprüfen. Die Bäume hier standen dichter, ihre Kronen so verflochten, dass das Nachmittagslicht nur noch in schmalen, zitternden Strahlen den Boden erreichte. Zwischen den Stämmen hingen Spinnennetze, groß wie Fischernetze, leer und unbewohnt, als hätten selbst die Spinnen beschlossen, dieses Tal zu meiden.

»Wie kämpft man gegen so etwas?«, fragte Bren schließlich, seine Stimme leiser, als er beabsichtigt hatte.

»Man kämpft nicht.« Ilvaya zog ihr Messer, nicht weil sie eine Bedrohung sah, sondern weil das kühle Gewicht in ihrer Hand ihr half zu denken. »Man überlebt, bis das Licht zurückkommt, und hofft, dass man dabei noch weiß, wer man ist.«

Sie erreichten eine Lichtung, in deren Mitte ein einzelner, toter Baum stand, seine Rinde grau und rissig wie die Haut eines uralten Tieres. An seinen untersten Ästen hingen Bänder aus verblasstem Stoff, Dutzende, vielleicht Hunderte, jedes einzelne mit winzigen, verblichenen Schriftzeichen bestickt.

Der Fantasy-Text C liest sich nicht unbedingt schlechter als so mancher verlegte Roman im Handel. Die Details wie der Name Silbermulde oder die Spinnennetze sind stimmungsvoll, wenn auch nicht sonderlich originell.

Stutzen lassen eventuell zwei Formulierungen, die streng genommen keinen Sinn ergeben: Kartographen überprüfen in der Regel nicht, ob Ortsnamen angemessen sind, weiterhin ist fraglich, inwiefern man mit einem Messer in der Hand besser denken kann. Für beide Formulierungen ließen sich vielleicht Erklärungen finden, ohne weiteren Kontext erschließen sie sich jedoch nicht unmittelbar und wirken etwas holprig.

Beispiel F: Der Mittwoch begann damit, dass ihre Mutter anrief, um ihr mitzuteilen, dass sie das Haus verkauft habe.

Judith stand in der Küche, den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt, und schnitt weiter Zwiebeln, während ihre Mutter die Einzelheiten aufzählte – der Preis, der Käufer, ein junges Paar aus Münster, das angeblich schon Pläne für einen Wintergarten hatte, dort, wo einst der Komposthaufen gewesen war, an dem Judiths Vater vierzig Jahre lang seine Zigaretten ausgedrückt hatte, heimlich, in dem Glauben, niemand bemerke es.

»Und du bist einverstanden damit«, sagte Judith. Es war keine Frage. Sie hatte gelernt, mit ihrer Mutter keine Fragen mehr zu stellen, sondern nur noch Feststellungen, die Raum für Widerspruch ließen, ohne ihn einzufordern.

»Es ist mein Haus, Judith.«

»Das habe ich nicht bestritten.«

Am anderen Ende der Leitung war ein Geräusch, das Judith nicht sofort zuordnen konnte – ein Klappern, als würde ihre Mutter Geschirr abwaschen, während sie sprach, so als wäre der Verkauf des Elternhauses eine Angelegenheit von derselben Beiläufigkeit wie ein schmutziger Teller.

Auch Beispiel F erscheint auf den ersten Blick handwerklich in Ordnung, es finden sich sogar ein paar schöne Details wie der Gedanke an den Vater, der heimlich am Komposthaufen rauchen musste. Zugleich wird hier aber auch die Tendenz der KI deutlich, Bilder zu erklären. Denn das »heimlich« könnte man einfach löschen. Zu viel erklärt wird ebenfalls am Schluss der Szene, wenn das eigentlich für sich sprechende Bild der Mutter, die beim Telefonat das Geschirr abwäscht, erläutert wird: »so als wäre der Verkauf des Elternhauses eine Angelegenheit von derselben Beiläufigkeit wie ein schmutziger Teller.«

LLMs scheinen selten darauf zu vertrauen, dass durch szenische Inszenierung deutlich wird, wie Figuren ticken oder was bestimmte Handlungen bedeuten. Stattdessen wird ausbuchstabiert, was sich die Leser idealerweise selbst denken können: »Sie hatte gelernt mit ihrer Mutter keine Fragen mehr zu stellen, sondern nur noch Feststellungen, die Raum für Widerspruch ließen, ohne ihn einzufordern.« (Ins Auge fällt hier auch die fehlerhafte Grammatik.)

Beispiel H: Von der Anhöhe aus sah die Stadt aus wie ein Gebiss, dem man die Hälfte der Zähne gezogen hatte.

Nele stand zwischen den Betontrümmern, die einmal eine Schnellstraße getragen hatten, und zählte, aus alter Gewohnheit, die Rauchsäulen am Horizont. Vier. Gestern waren es sechs gewesen, vorgestern acht. Sie wusste nie, ob weniger Rauch bedeutete, dass ein Feuer erloschen war, oder dass es nichts mehr gab, das noch brennen konnte.

»Wir sollten weiter«, sagte Bo hinter ihr, die Stimme rau vom Staub, der seit Wochen nicht aus der Luft verschwand. »Bis zur Dämmerung wollten wir die Brücke erreicht haben.«

»Es gibt keine Brücke mehr, Bo.«

»Es gibt die Stelle, an der sie war. Das reicht.«

Nele nickte, ohne sich umzudrehen, und ließ den Blick noch einen Moment über das Tal wandern, das früher, in Erzählungen, die schon zu ihrer Kindheit gehörten, grün gewesen sein sollte. Jetzt war es eine Fläche aus grauem Geröll, durchzogen von den Skeletten ausgebrannter Fahrzeuge, die man auf den Hauptstraßen zurückgelassen hatte, als niemand mehr wusste, wohin die Flucht eigentlich führen sollte.

Auch das letzte Beispiel, ein postapokalyptischer Text, erscheint zunächst unauffällig. Der Vergleich mit dem kaputten Gebiss, die Rauchsäulen und die ausgebrannten Fahrzeuge sind typische Genrezutaten, aber isoliert noch kein Hinweis auf KI-Einsatz.

Andere Stellen lassen hingegen stutzen: Warum ist es eine alte Gewohnheit, die Rauchsäulen zu zählen? In einer vermutlich feindlich gesinnten Welt ist es überlebensnotwendig, seine Umwelt genau zu erkunden, es ist wohl mehr eine bewusste Handlung als nur eine Angewohnheit. Nicht ganz rund erscheint auch der Satz mit dem Feuer: Es wird ein Gegensatz zwischen erloschenem Feuer und dem Umstand, das eventuell nichts mehr da ist, was brennen könnte, suggeriert. Streng genommen kann das Fehlen von etwas Brennbarem (weil es verbrannt ist) aber auch der Grund für das Erlöschen sein. Sinnvoller wäre etwa: »… ob weniger Rauch bedeutete, dass jemand das Feuer gelöscht hatte oder dass es nichts mehr gab, das noch brennen konnte.«

Wie auch bei den anderen Textbeispielen fällt außerdem auf, dass KI oft unnötigerweise sagt, was nicht passiert. Nele nickt etwa, ohne sich umzudrehen; Marlene aus Beispiel B rennt, ohne zurückzusehen; Ilvaya aus Beispiel C zieht ein Messer, ohne eine Bedrohung auszumachen.

Allgemein ist also nicht immer einfach auszumachen, wo KI am Werk war, bei zahlreichen Texten kann man sich zudem nicht 100 Prozent sicher sein – ein guter Grund, um mit Vorwürfen und Anschuldigungen vorsichtig zu sein und stattdessen das Gespräch zu suchen.

(Alle Textauszüge habe ich übrigens mithilfe von Pangram überprüfen lassen. Der Detektor hat zuverlässig alle KI-generierten Beispiele erkannt und ebenso die menschengemachten Texte als menschengemacht eingeordnet.)

Mehr Schreibtipps, Neuigkeiten aus der Buchwelt und Rabattaktionen gibt es über meinen Newsletter.

Hinterlasse einen Kommentar